St. Johannes – Ritterhude

Ev. – luth. Kirchengemeinde St. Johannes Ritterhude

 

Über die Orgel:

Erbauer: P. Furtwängler & Hammer, Hannover
Baujahr: 1929
Manuale: 2
Pedal: C – f’
Zahl der klingenden Register: 16
Windladen: Pneumatik
Spieltraktur: Pneumatisch
Regierwerks: Pneumatisch
Disposition: I. Hauptwerk C – g’’’
Quintade 16’
Prinzipal 8’
Hohlflöte 8’
Nachthorn 4’
Okatave 2’
Mixtur 5f
II. Oberwerk C-g’’’ (schwellbar)
Gedackt 8’
Salicional 8’ (C-H aus Gedacht 8’)
Quintade 8’
Prinzipal 4’
Nasat 2 2/3’
Blockflöte 2’
Oboe 8’ (neu)
Pedal C-f’
Subbass 16’
Oktavbass 8’
Gedackt 8’ (Transmission aus II)
Prinzipal 4’ (Transmission aus II)
Oboe 8’ (Transmission aus II – neu)
Basson 8’ (neu)
Spielhilfen: Koppeln I/P + II/P + II/I
Oktavkoppeln II + II/I
Rollschweller, Tutti, Freie Kombination,
Schwellkasten (wieder neu konstruiert)

 

 

Stil-geschichtliche Einordnung:
Mit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts vollzog sich eine allgemeine kulturelle Trendwende, die im Bereich der Orgelkultur eine Zurückbesinnung von der Romantik vor allem auf das barocke Klanggut in Gang setzte. Die Orgeltagung 1927 in Freiburg, zwei Jahre vor dem Bau der Ritterhuder Orgel, gab der sogenannten Orgelbewegung den entscheidenden Startschuss.

In jener Zeit entwickelte sich Christhard Mahrenholz zum wesentlichen Förderer der Orgelerneuerung. In der Hof-Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer in Hannover – sie erbaute in dieser Zeit die Ritterhuder Orgel – fand er willige Mitstreiter seiner Erneuerungsideen.

Zunächst rückten die neu zu bauenden Orgeln von den bis dahin gängigen romantischen Dispositionsprinzipien ab, ohne jedoch die pneumatisch gesteuerten Windladen- und Taraktursysteme und die bis dahin gepflegten Intanations-Methoden aufzugeben.

Auf diesem Hintergrund versteht sich die Ritterhuder Orgel als ein Dokument der ersten Stunde, welches eine Mischung aus barockisierter Dispositions-Gestaltung in romantischem Klanggewand aus jener Zeit bewahrt hat.

Eingriffe in die technische Substanz veränderten 1969 den Standort des Spieltisches, gleichzeitig ging das Schwellwerk-Gehäuse für das 2. Manual verloren.

Im Rahmen der Renovierung der Orgel von 1998 bis 1999 wurde der veränderte Standort des Spieltisches belassen. Das 2. Manual erhielt jedoch sein Schwellwerk-Gehäuse zurück.

Trotz der Ergänzung der Disposition durch ein Oboe 8′-Register ist die Intonation der gesamten Orgel im wesentlichen aus der Erbauerzeit erhalten geblieben.

Dem Orgelprospekt ist eine gewisse Nähe zum Bauhaus-Stil abzuspüren. Das ursprünglich in Naturholz gebaute Gehäuse hat heute in getöntem Weiß, gegliedert durch mit Blattgold verzierte Absätze, zusammen mit der in weinrot erneuerten Hinterspannung ganz erheblich an Eleganz gewonnen.

(Franz Rietsch, Orgelbaumeister)

Geschichte der Orgel:
1790
Im Auftrag des Patronats werden Spenden für eine Orgel gesammelt. Die gezeichneten 71 1/2 Rthlr. reichen nicht aus, das Vorhaben durchzuführen. Es ist nicht auszuschließen, dass dies letztendlich an der Kirchenmüdigkeit und der weit verbreiteten Armut als Folge französichen Revolution und der Franzosenherrschaft gescheitert ist.

1840
Pastor Severin ruft am Ende einer Predigt die Ortsvorsteher und Bevollmächtigten aus dem Bauernschaften auf, über den vielseitig ausgesprochenen Wunsch nach einer Orgel für die Kirche zu beraten. Schon 1 Jahr später, am Sonntag Invokavit 1841, wird eine Orgel geweiht, nach einer Skizze des Orgelbaumeisters Tappe aus Verden auf einer neuen Westempore. Es handelt sich um eine mechanische Schleifladenorgel mit einem Manual und 9 bzw. 12 klingenden Stimmen.

1927
Pastor Degener Berichtet der Landeskriche, dass „die Mechanik (der Orgel) derart unzuverlässig geworden (sei), dass bei der geringsten unsachgemäßen Berührung die Töne nachklingen. . . Herr Organist Bredenkamp gibt sich dann viele Mühe, um den Schaden der Orgel in Ordnung zu bringen.“ Der Wunsch des Organisten nach einer neuen Orgel wird mit der Anmerkung verknüpft, dass die Wohltäter der Gemeinde, die Gebrüder Reis, für diesen Zweck noch nicht zu erwärmen seien.

1929
Nun sind sie offenbar so weit! Im Zusammenhang mit einer gründlichen Erneuerung der Kirche erbittet der Gemeindevorsteher Herr Evers Angebote für eine neue Orgel von den Orgelbaufirmen Sauer,Frankfurt/Oder und Hammer & Furtwängler, Hannover.

Dabei empfiehlt Herr Emil Hammer bei einer Ortsbesichtigung, aus akustischen Gründen die Flachdecke durch ein Gewölbe zu ersetzen. Diese Anregung wird tatsächlich aufgenommen und umgesetzt.

Über Juni/Juli 1929 ziehen sich langwierige Diskussionen über den Orgelprospekt hin, der nach dem Vorbild der Dreifaltigkeitskirche in Harburg gestaltet werden soll.

In den überkommenen Akten findet sich kein Hinweis auf eine Diskussion der Disposition der neuen Orgel.

Der Orgelaufbau beginnt am 18.11.1929. Im Abnahmebericht des Orgelsachverständigen H. Mehrkens vom 09.12.1929 heißt es: „Das ganze Werk lobt in jeder Beziehung seinen Meister, sowohl durch die ebenso gewissenhafte wie künstlerische Arbeit. Nur durch genaue Abwägung der Pfeifenmensuren ist es möglich gewesen, dem Werk mit geringer Anzahl von Stimmen eine solche Fülle und Kraft zu verleihen, dass selbst bei stärkerem Besuch der Organist in der Lage ist, den Gemeindegesang wirksam zu unterstützen. Dabei sind die einzelnen Stimmen von außerordentlicher Weichheit. Dem Spieler stehen somit vom pp zum ff die mannigfachsten Tonstaffierungen zu Gebote. Stets – auch in Bach’schen Orgelwerken – herrscht Klarheit des Tones.“

1941
Der Orgelrevisor bescheinigt der Orgel einen tadellosen Zustand. er merkt jedoch an: „es fehle im Klangkörper der Orgel die Zungenstimmen und noch eine gemischte Stimmte für das II. Manual und das Pedal . . . Zu jener Zeit, als die ORgel gebaut wurde, hat man das Fehlen dieser Stimmen indes noch nicht als Mangel empfunden.“

1944
fordert die „Reichsstelle für Eisen und Metall“ von Pastor Tönnies, die Register Quintate 8′ und zwei Transmissionen auszubauen, Nach einem Bericht über die ORgel vom Pastor Riechel sind diese allerdings noch 1948 erhalten gewesen.

1969
Im Rahmen einer Innenrenovierung der Kirche wird auch die Orgel gereinigt und überholt. Wegen der Vorverlegung des Altartisches ist kein Blickkontakt zwischen Organisten und Liturgen mehr möglich möglich. Deswegen wird der Spieltisch seitlich nach vorne verlegt, dazu sind ca. 1000 m Plastikschlauch wegen des verlängerten Weges zwischen Spieltisch und Pfeifen erforderlich. Der Schwellkasten wir bei Malerarbeiten beschädigt und deswegen ausgebaut. Finanziert durch die Landeskirche.

1979
Empfehlung eines vollständigen Neubaues,

1993
Beschluss zur Renovierung

1998 bis 1999
Renovierung einschließlich der Rekonstruktion des Schwellkasten und Neubau des Registers Oboe 8′ durch die Orgelbauwerkstatt Franz Rietzsch, Hemmingen bei Hannover.
Finanzierung durch Spenden, durch den Förderverein Kircheninnenrenovierung (ca. 80.000 DM) (unter anderem 63 Konzerte für die Renoveriung!), Kollekten und Einsparungen der Kirchengemeinde (ca. 60.000 DM) und durch einen Zuschuss der Landeskirche (52.000 DM).

(Dr. C. Schlage)